Es ist bereits Nacht, als wir auf dem Flughafen in Amsterdam ankommen. Ich habe den zwölf Stunden langen Flug über geschlafen. Die lauten Torbienen, die sich unterhaltenden Menschen und die
arbeitenden Stewardessen bildeten zwar eine laute Hintergrundmusik aber trotzdem konnte ich mich endlich entspannen, ohne Angst, dass ich Ariane nie wieder sehen würde (Wo sollte sie auch hin,
hier über den Wolken?). Während der Tage in New York schlief ich insgesamt vielleicht neun Stunden, aber niemals am Stück. Immer wieder wachte ich von starken Angstgefühlen, sicherlich
Verlustängsten auf. Ich bin dann aufgestanden, habe das Licht angeschaltet und bin von dem Sofa zum Bett hinüber geschlichen um in Arianes Gesicht zu blicken. Dann sah ich ihre langen,
hellblonden Haare, ihre Sommersprossen und ihre sich unter der Haut leicht abzeichnenden Wangenknochen, die mich so ein warm – aufregendes Gefühl in meinem Bauch spüren lassen, dass dann wieder
für eine kurze Zeit anhält, bis ich wieder in ihr Gesicht blicken musste um sicher zu gehen, dass sie noch da ist. Genauso habe ich es während der gesamten Reise gemacht und werde es wohl auch
noch den Rest unserer gemeinsamen Zeit tun, wie lang sie auch sein mag. Nur während des Fluges weiß ich, dass sie bei mir bleiben muss, nicht einfach so verschwinden kann(wo soll sie denn hin
über den Wolken?).
Ariane war wohl den ganzen Flug über wach und hat einen Martini nach dem anderen gekippt, gegen ihre Flugangst natürlich. Ab und zu im Halbschlaf habe ich dann ihren Kopf auf meiner Schulter
liegen gespürt (wir saßen nebeneinander), weshalb ich mich sehr wohl fühlte, konnte aber auch einen leichten alkoholischen Geruch wahrnehmen. Als wir nun aber aus dem Flugzeug ausgestiegen sind
und das Gate betreten, ist davon absolut nichts zu spüren. Ihr Verhalten, genauso wie immer, keine Spur von Enthemmung oder Albernheit, als hätte Ariane nie etwas getrunken und das trotz der
enormen Mengen Martini im Flugzeug (ich frage mich kurz, ob sie wirklich Schwedin ist oder doch aus Finnland kommt). Wir nehmen unser in Vergleich zur Reisezeit eher bescheidenes Gepäck, dass
immer noch nur aus einer kleinen Reisetasche je Person besteht entgegen. Ariane bittet mich, einen Mietwagen zu besorgen und sieht mich mit ihren hellblauen Augen an, die eigentlich keine
Diskussion zulassen. Aber ich bin dennoch ziemlich verwundert über diese Bitte, sah doch unsere Planung vor vom Flughafen Amsterdam aus direkt in ihre Heimat Schweden weiter zu fliegen.
Vielleicht habe ich Ariane ja nur falsch verstanden, was mit unserem eher mittelmäßigen Englisch zu erklären wäre oder aber sie hat wieder einmal entschieden, ohne mich zu fragen, denn sie weiß
sicherlich ganz genau, dass ich mich ihr nicht erwehren kann. Ich frage, sie nach ihren weiteren Plänen und warum wir nicht nach Schweden weiter fliegen. Aber sie zeigt mir nur eine der
kostenlosen Zeitschriften aus dem Flugzeug, die auf einer Seite aufgeschlagen ist. Sie drückt mir die Zeitung in die Hand und zeigt auf ein Bild, auf dem
die Alpen zusehen sind und sagt: „I was never there before.“ Leicht erzürnt, aber immer noch ruhig (durch ihre
Anwesenheit) frage ich, ob das ihr Ernst sei, fasse jedoch gleichzeitig in meine Hosentasche, aus der ich das Geldbündel mit den vielen Scheinen ziehe, die von einer Geldklammer
zusammengehalten werden. Anstatt meine, zugegeben etwas rhetorische Frage jedoch zu beantworten, weißt sie nur noch einmal auf das Bild und dann auf den Mietwagen Schalter und sieht mich dabei
mit ihren tiefen, blauen Augen an. Ich widerspreche nicht und gehe zum Mietwagenschalter, wobei ich Ariane nie aus den Augen lasse, sie bleibt an der selben Stelle stehen und bewegt sich kein
Stück, blättert in ihrer gratis Zeitung weiter. Am Schalter sitzt eine junge Frau. Zuerst denke ich, dass sie dunkle Haut hat und wohl irgendwo aus Südeuropa kommen muss, doch dann bemerke ich
meine Sonnenbrille, die ich seit dem Abflug in New York nicht abgesetzt habe. Die junge Dame ist sehr freundlich und spricht extra etwas langsamer, damit ich ihr eigentlich ziemlich simples
englisch verstehe. Sie fragt, ob ich lieber einen Honda oder einen Volkswagen hätte, dann zeige ich in einer unauffälligen Geste mein Geldbündel über den Tresen. Die Autovermiet-Dame räuspert
sich, bittet um Entschuldigung und fragt, was für ein Fahrzeug ich wünsche. Leider steht am Amsterdamer Flughafen kein Porsche Cabrio mehr zur Verfügung, weshalb ich eine Mercedes S-Klasse für
knapp 400 Euro am Tag miete. Ariane und ich treten aus dem Flughafenterminal, der zu dieser Zeit (es ist zwei Uhr Nachts) ungewöhnlich wenig besucht ist. Draußen empfängt mich eine Nachtluft,
die mir besonders sauber, leise und auch beruhigend vorkommt, vor allem im Gegensatz zu der Luft in New York, die zu jeder Tages- und Nachtzeit gleich schmutzig und laut war. Der Himmel ist
Wolkenklos und schimmert durch die Flutlichter des Flughafens dunkelblau. Das gelbe Licht der Beleuchtungsanlagen ist genauso gelb, wie das in New York und lässt mich alles so erkennen, als
wäre es Tag eben nur mit einem Gelbstich.
In einem separaten Parkhaus auf dem riesigen Gelände des Flughafens nehmen wir die schwarze und sehr seriös wirkende S-Klasse in Empfang und fahren so gleich in Richtung Deutschland, dank des
Navigationssystems ohne Probleme.
Ariane schläft wenige Kilometer außerhalb des Zentrums von Amsterdam ein. Ihr Kopf lehnt gegen die Seitenscheibe, ihr Mund ist leicht geöffnet, so dass ich ihre weißen Zähne und die kleine
Zahnlücke sehen kann. Ihre hellblonden, langen Haare liegen über ihre Schulter. Wenn sie schläft, kann ich mich ein wenig entspannen und fahre deswegen gleich etwas langsamer, um schließlich
auf einem Parkplatz anzuhalten. Der Parkplatz ist vollkommen leer und dunkel, da die Stadt bereits einige Kilometer entfernt ist und somit auch die Lichter der Stadt. Ich steige aus und setze
mich auf die warme Motorhaube des Wagens und beobachte Ariane durch die Frontscheibe. Ich kann die schnell vorbeiziehenden Lichter der Autos und Lkws sehen und hören und fühle ein wenig
Melancholie in mir aufsteigen. Mir wird bewusst, welche Macht sie über mich hat und wie verloren ich ohne sie wäre. Seit ich mit ihr unterwegs bin habe ich das Gefühl, dass mein Leben einen
Sinn hat. Noch nie habe ich einen Menschen so geliebt, wie Ariane - nicht meine Mutter, nicht meine Freundinnen, niemanden. Umso mehr ich darüber nachdenke, desto mehr bin ich mir sicher, dass
ich ohne sie nicht mehr leben kann. Ich bin jetzt bereits seit fünf Wochen mit ihr unterwegs, quer durch die Weltgeschichte, wir haben uns nicht einmal geküsst, niemals miteinander geschlafen.
Eigentlich weiß ich noch nicht einmal, ob sie meine Gefühle teilt und davon ausgehen kann ich auch nicht. Die Gedanken daran, dass sie mich nicht lieben könnte sorgen dafür, dass mir übel wird.
Ich darf keinen Gedanken daran verschwenden, dass meine Perspektive eigentlich ziemlich miserabel aussieht und plötzlich gefällt mir der Gedanke, dass unsere Reise noch etwas länger dauert -
vielleicht für immer. Ich sitze noch eine ganze halbe Stunde auf der Motorhaube, die bereits kalt geworden ist. Meine Hände sind, trotz der lauen Sommernacht ziemlich kalt. Nur noch wenige
Stunden und die Sonne geht auf. Ich setze mich wieder in den Mercedes und fahre in langsamem Tempo in französische Alpen.